Biografie
Dies war die Vaterseite, also die Großvaterseite, nein, die Urgroßvaterseite. Und eine moderne Nähmaschine, der ganze Stolz der Urgroßmutter und der drei Basen, die selbstverständlich auch mit dabei waren. Dazu die vier Kinder, das Pferd, der Wagen, der Melker und der Karrer. Mein Urgroßvater legt meinem Großvater, seinem Ältesten, väterlich die Hand auf die Schulter. Er ist stolz, denn er hat es als Dorfbäcker geschafft, und das als uneheliches Kind einer wohl etwas schusseligen Bauerntochter und eines burgundischen Soldaten der Bourbaki-Armee. Der Bruder meines Großvaters Fritz, der Knabe ganz rechts, Hans, war später übrigens der Erfinder von "Fabelhaft ist Apfelsaft!"

Das war das Haus des Großvaters Alessandro, der mir den Namen gegeben hat, das Haus mitten im Dorf, das er schon als vierzehnjähriger Junge zusammen mit seinem Bruder verlassen musste, weil die Familie zu arm war, um alle zu ernähren. Er war bis nach Australien ausgewandert, doch dort hatte es nur seinem Bruder gefallen. Er selber kehrte zurück, vom Heimweh geplagt, vorerst bis nach London, wo das englischeSchiff angelegt hatte und wo er bald in wirtschaftlich boomender Zeit mit geschicktem Liegenschaften- und Grundstückhandel in den aufstrebenden Vororten Londons unerwartet wohlhabend wurde und eine Familie gründete, bevor er in sein geliebtes Heimatdorf zurückkehrte und dieses alte Haus seiner Familie im Dorfzentrum zurückkaufte. Denn jetzt konnte er mit seinen soliden englischen Pfund das halbe Dorf aufkaufen, dazu weitläufige Weinberge, viel Weide- und Ackerland, eine kleine Seidenraupenfabrik, eine Kneipe und ganze Alpen. Er suche halt das gesunde Leben, mitsamt seiner umfangreichen und reichlich perplexen, englischen Familie, und dazu war er in der Fremde auch noch ein glühender Patriot geworden. Auf dieser Foto sehen wir ihn als Kind auf dem Balkon stehen, links neben seiner Mutter, meiner Urgroßmutter, und im Fenster steht sein Vater, also mein Urgroßvater. Vor dem Haus arme Leute, von denen das mausarme Dorf damals voll war.

Was sehen wir hier? Hinten rechts meine Mutter. Vorne in der Mitte meine Großmutter. Und der Hund, Onkel Terence, Tante Aurora, Tante Priscilla und Onkel Patrick. Die ältere Frau hinten links war das Kindermädchen. Soeben waren sie aus dem boomenden London angekommen, aus dem prächtigen Zentrum des British Empire, eine neureiche, englische Familie, und präsentierten sich dem Fotografen, meinem Großvater, im Pasquerio, in seinem neuen Weinberg. Seine Frau wollte natürlich so schnell wie möglich wieder zurück nach London, in ihr schönes Haus an der Baker Street, Nähe Regents Park, also zurück in den zivilisierten Teil der Welt, denn ihr kam es hier in den Bergen wie in Tibet vor - oder noch schlimmer. Doch die Sache war bereits gelaufen, und die Fortsetzung der Geschichte fand endgültig hier statt, im kargen Bergtal, unter all den armen Leuten. Der Großvater wollte es so. Zudem drohte schon wieder ein Weltkrieg wegen den Deutschen. Der Patriarch fand die Schweiz sicherer als England, und seine Kinder hatten durchaus nichts dagegen; ihnen gefiel es hier in der freien Wildnis, und die Schule der Nonnen war viel harmloser als die strengen englischen Internate. Schnell lernten sie Italienisch und den örtlichen Dialekt und integrierten sich subito in diese rurale Welt am Rande eines ihnen unbekannten, recht merkwürdigen Landes, das keinen Zusammenhang mit dem Rest der Welt zu haben schien.
Der schlimme Krieg war endlich vorbei, die sechs langen Jahre des Eingeschlossenseins waren vorüber. Die jungen Leute flippten richtig aus und gingen lachend über fast alle Konventionen hinweg. Meine Mutter hatte meinen Vater beim ausgelassenen Tanzen getroffen, in Zürich, und ich saß jetzt unerwartet und als deutliches Resultat dieser zufälligen Begegnung im Weinberg meines Großvaters und untersuchte meine Finger, die Gräslein und die Kräutlein, die Libellen und die Heuschrecken, die Käferlein und die Schmetterlinge, die Eidechsen und die Ziegenkacke. Das war alles eindeutig äußerst interessant und überaus aufschlussreich. Ich kann mich erstaunlicherweise heute noch gut an diesen wichtigen Moment erinnern, und mein Vater, der mich fotografiert hatte, war sehr stolz auf mich, ebenso wie mein Großvater, auch deshalb, weil ich nach ihm benannt wurde und so irgendwie für die Kontinuität in der Familie sorgte, wenigstens symbolisch, denn meine Mutter wollte unbedingt, dass ich wie ihr Vater heiße. Sie wollte also ausdrücklich keinen typisch bernischen Namen, weder Fritz, noch Ernst, noch Hans oder Ruedi. Ich selber weiß heute noch genau, wie das Gras gerochen hat, die warme Mauer, die Ziegen und der Misthaufen; diese ersten Eindrücke von der realen Welt sind bis heute geblieben.
Das war sie, meine kluge Mama, und das war ich mit dem putzigen Sennenmutz. Meine belesene Mutter schaut nicht sehr glücklich drein, und das sollte sie leider auch nie wirklich sein. Sie verpasste mir eine englische Erziehung und vermittelte mir erste, doch ausnehmend dauerhafte Eindrücke von richtiger Kultur, derer ich heute, gut sechzig Jahre danach, erst richtig bewusst werde. Ich sollte ihrer Konzeption gemäß wohl ein richtiger englischer Gentleman werden, nehme ich an, als Gegensatz zum eher dürftigen einheimischen Angebot, das in ihren Augen offenbar alles andere als gentlemanmäßig war. Die Mutter fühlte sich hierzulande nie wohl; sie fand die Leute, also die Schweizer generell, aber ganz besonders die Deutschschweizer - und hievon insbesondere die Berner - stets furchtbar primitiv, unsäglich gefühllos und unaussprechlich ordinär. Sie verstand deren derbe Mentalität nie, noch hätte sie sie jemals akzeptiert und schon gar nicht geschätzt, und sie sprach auch die schreckliche Sprache, also das bedächtige Berndeutsch, hier in seiner vorstädtisch-proletarischen Ausführung, nie richtig und schon gar nie gerne. Erst in späten Jahren, doch voller Entzücken, kehrte sie für leider allzu kurze Zei ins geliebte mittelständische, liebenswürdige und aufmerksame England ihrer behüteten Kindheit zurück, zu spät vielleicht, doch sie fand dort fast alles genau so wieder, wie sie es damals verlassen hatte.

Und das war mein Vater als junger Mann. Er sieht recht nachdenklich aus. Er hatte mich auf eine Bergtour mitgenommen, das erste und einzige Mal überhaupt. Auf das Niederhorn. Mir hatte es gefallen, obschon es mir reichlich ungewöhnlich vorgekommen war, aber ich weiß bis heute nicht, ob es auch ihm gefallen hatte. Er sagte nie etwas dazu, sagte überhaupt nie etwas Persönliches, sein ganzes Leben lang nicht, bis zum Schluss nicht, hat nur gekrampft und gekrampft, wie man das hier allgemein so macht, wenn einem andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen. Er war auch nicht glücklich, war ständig schlecht gelaunt, hatte es auf dem Magen, und ich hatte eigentlich immer Angst vor ihm, vor seiner konstant schlechten Laune und vor seinen unberechenbaren Wutausbrüchen. Onkel Ruedi hat das Foto gemacht, denn mit den lustigen Onkel Ruedi, mit dem Mann seiner Schwester, hatte er damals viel unternommen. Die beiden verstanden sich gut; sie verstanden sich wohl besser, als sie ihre eigenen, unglücklichen Ehefrauen verstanden, muss man leider annehmen. Aber das liegt irgendwie in der Natur der Sache und ist deshalb nicht einmal ungewöhnlich. Und mittendrin wir Kinder, die wir irgendwie zurechtkommen mussten.
In diesem Alter, mit vierzehn, beschloss ich, Schriftsteller zu werden, obwohl ich am liebsten zeichnete und malte, weil ich schon damals gute Schriftsteller rundweg als die kompetentesten Leute erachtete, die eine Gesellschaft aufweisen kann; das finde ich übrigens heute noch. Und wer möchte nicht kompetent sein? Oder eben Kunstmaler, das wollte ich vielleicht auch gerne werden, weil ich wirklich gerne malte und weil es bereits einige sonderbar verkrachte Kunstmaler in der weit verstreuten Verwandtschaft gab. Oder Archäologe, weil mich Urgeschichte und Geschichte sehr interessierten. Doch eindeutig am liebsten hatte ich den Schriftsteller, weil der in meinen Augen am wenigsten Aufwand machte; der benötigt eigentlich nur seinen Kopf, ein leeres Blatt Papier und einen gut gespitzten Bleistift - so stellte ich mir das zumindest vor. Meine Mutter bewunderte die englischen, französischen und italienischen Schriftsteller und sprach stets lobend von ihren Büchern, die ich im Übrigen allesamt vorbehaltlos verschlang, aber auch von ihrem persönlichen Mut, von ihrer freiheitlichen Einstellung, von ihrer demokratischen Haltung, von ihrer kulturellen Toleranz, von ihrer sozialen Aufgeschlossenheit und ihrer intellektuellen Unerschrockenheit, und eines Tages kaufte sie mir ganz unerwartet eine mausgraue Hermes Baby. Das war ein deutliches Zeichen.
In der Rekrutenschule besuchten mich am "Tag der offenen Tür" meine Eltern. Mein Vater war natürlich sehr stolz auf mich, den kleinen Soldaten, aber meine Mutter merkte schnell, dass ich hier nicht wirklich hin passte. Ich war zudem schon damals ganz eindeutig der falsche Mann am falschen Ort und zur falschen Zeit (1968) und konnte mich zu diesem Zeitpunkt zudem immer noch nicht zwischen Archäologe, Kunstmaler und Schriftsteller entscheiden. Erst nachdem ich das erste Mädchen geküsst haben werde, erst nachdem ich die bösen Blicke der ersten Schwiegermutter in meinem Rücken gespürt haben werde, werde ich mich endlich entschieden haben können. So lagen die Dinge. Aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen, nicht in der verhassten Rekrutenschule, also unschuldig, jungfräulich, unbedarft, unerfahren und unberührt wie ich damals war, und das würde leider noch eine ganze Weile so bleiben. In der Zwischenzeit hing ich sinn- und nutzlos an der berner Uni herum und ärgerte freundliche Professoren mit skurrilen Klugscheißer-Einwänden. An besonders sonnigen Nachmittagen saß ich in dunklen Kinos und schaute mir unanständige französische Filme an, und dazu brachte ich die uneinsichtige Vatergeneration mit angeblich zu langen Haaren und einem ganz schütteren Ho Chi Minh-Bärtchen auf die Palme, verteilte auf dem Bärenplatz Flugblätter gegen den Vietnamkrieg und Traktate gegen den Kapitalismus, lief an einigen etwas chaotischen Demos überaus ängstlich, aber entschlossen mit, baggerte schüchterne, junge Frauen an und träumte im Übrigen am liebsten von meinen zukünftigen Büchern. What else?
Über der weiteren Verlauf meiner bescheidenen Biografie geben mein episches und mein dramatisches Werk ausreichend Auskunft. Sie zeigen auf, womit ich mich beschäftigt habe - und womit nicht.
Über der weiteren Verlauf meiner bescheidenen Biografie geben mein episches und mein dramatisches Werk ausreichend Auskunft. Sie zeigen auf, womit ich mich beschäftigt habe - und womit nicht.